Zur Freude der Trainerin:

Zur Freude der Trainerin: „Aus einer Krise als Team gemeinsam herausgearbeitet“

Vor einem Jahr hat Anna Steckel den Trainerjob der 1. Frauenfussballmannschaft bei Wacker übernommen, als
Regionalligist bekanntlich das höchst spielende Frauenteam in Münster. Nach 25 von 26 Spielen steht Wacker auf
Platz acht und war fast durchgängig fern der Abstiegszone zu finden. Die Saison ist also noch nicht ganz
abgeschlossen, dennoch willigte Anna in ein Gespräch ein, in dem sie zurück und nach vorne schaute und sich
auch zur aktuellen Entwicklung im Frauenfußball äußerte.

Frage: Anna, auch wenn ja noch ein Spiel aussteht, aber was ist Dein bisheriger Glücksmoment in dieser Saison?

Anna: Das war das 2:1 im Heimspiel gegen den 1. FC Köln II (Anmerkung: Tabellenführer und möglicher
Aufsteiger), für Köln ja die einzige Niederlage in der Hinrunde. In diesem Spiel ist alles aufgegangen, was wir uns
vorgenommen hatten und das war für mich natürlich sehr schön zu sehen. Jede einzelne Spielerin hat
herausragend gespielt. Wie wir diese Partie noch gedreht haben, war wirklich ein Highlight!

Frage: Schauen wir mal auf den bisherigen Saisonverlauf. Was waren da die positiven Erfahrungen für Dich?

Anna: Noch ist die Saison ja nicht durch, deshalb kann ich noch keine komplette Analyse präsentieren. Stand
heute nenne ich da zunächst die Art und Weise, wie sich das Team in den letzten Wochen Stück für Stück aus einer
schwierigen Situation herausentwickelt hat. Wir hatten einen schwierigen Start nach der Winterpause, aber die
letzten Spiele waren wieder gut. Beispielsweise beim 5:0 jetzt gegen Deutz haben wir den Gegner klar dominiert,
mit wirklich sehr schön heraus gespielten Toren. Diese positive Entwicklung können wir mitnehmen, denn das ist
auch etwas, was ein Team ausmacht. Jetzt wissen alle, dass man sich aus solchen Phasen gemeinsam rausarbeiten
kann.

Frage: Womit bist Du denn weniger zufrieden?

Anna: Die Chancenauswertung ist sicherlich ein Thema, welches wir uns anschauen müssen. Dadurch haben wir
diese Saison einige Punkte liegen gelassen. Vielleicht haben wir uns auch einen etwas besseren Tabellenplatz
gewünscht, aber wenn man alle Umstände betrachtet, ist es ok, wo wir stehen. Zu berücksichtigen ist auch, dass
die Regionalliga in dieser Saison deutlich stärker geworden ist, allein schon durch den Aufsteiger Borussia
Dortmund, wo unter ganz anderen Bedingungen gearbeitet werden kann.

Frage: Aber gegen den ihr ja im mit 0:1 verlorenen Heimspiel nicht schlecht ausgesehen habt?

Anna: Auf jeden Fall haben wir kaum eine Torchance zugelassen.

Frage: Wenn das Köln-Spiel das Highlight war, was war denn das Lowlight?

Anna: Für mich war das die Heimniederlage gegen Mönchengladbach II. Es ist das einzige Spiel in dieser Saison,
wo ich nichts Gutes bei uns gesehen habe, auf jedweder Ebene. Diese Niederlage müssen wir uns alle zusammen
ankreiden. Ansonsten hat das Team in jedem Spiel, auch in den nicht gewonnenen, viel Positives abgeliefert.
Gladbach aber war der Tiefpunkt und zugleich Umschaltpunkt. Denn danach begann glücklicherweise das, was
ich vorhin mit Rausarbeiten bezeichnet habe.

Große Lernkurve mit großem Trainerteam

Frage: Gab es Spielerinnen, die für Dich in dieser Saison besonders performt haben?

Anna: Die Lernkurve war schon enorm auf unterschiedlichen Ebenen. Erstmalig konnte ich mit einem großen
TrainerInnenteam arbeiten, mit zwei Co-Trainern, Torwarttrainern, Physiotherapeut, Betreuerin. Dass bedarf
natürlich zahlreicher Abstimmungsprozesse, in denen Aufgaben nach individuellen Qualitäten verteilt werden.
Das war auch für mich ein Learning, immer zu schauen, was kann ich am besten, wo haben andere ihre Stärken,
die wir reinbringen sollten.

Frage: Für Dich war es ja nun die erste Saison als Cheftrainerin in diesem hohen Leistungsbereich. Was musstest Du in diesem einen Jahr besonders lernen?

Anna: Die Lernkurve war schon enorm auf unterschiedlichen Ebenen. Erstmalig konnte ich mit einem großen
TrainerInnenteam arbeiten, mit zwei Co-Trainern, Torwarttrainern, Physiotherapeut, Betreuerin. Dass bedarf
natürlich zahlreicher Abstimmungsprozesse, in denen Aufgaben nach individuellen Qualitäten verteilt werden.
Das war auch für mich ein Learning, immer zu schauen, was kann ich am besten, wo haben andere ihre Stärken,
die wir reinbringen sollten.

Frage: Was ist denn auf jeden Fall Chefinnen-Sache?

Anna: Zum Beispiel die konkrete Vorbereitung auf den nächsten Gegner. Auf diesem Level ist die
Spielvorbereitung eine ganz andere, als ich es zuvor erlebt habe. Wir haben sehr viele Informationen und Daten in
einem Ausmaß zur Verfügung, wie ich es vorher nicht kannte. Allen voran natürlich Videos, die es auszuwerten
gilt und aus denen einzelne Sequenzen zusammengeschnitten werden, die dem Team gezeigt werden. Das mache
ich selber und das ist auch zeitlich schon eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Aber wenn man sieht, was das Team
aus diesen Informationen herausholt und dann umsetzt, wie z.B. gegen Köln oder gegen Deutz, dann muss ich
sagen: es lohnt sich!

Die Entwicklung: athletischer, schneller, dynamischer!

Frage: Erweitern wir mal Blick über Wacker Mecklenbeck auf die aktuelle Entwicklung des Frauenfußballs in diesem gehobenen Leistungsbereich. Was nimmst Du da wahr?

Anna: Also auf dem Platz merkt man deutlich, dass es ein Mehr an Athletik gibt. Das kann damit
zusammenhängen, dass nicht bei allen, aber doch bei vielen Vereinen die Infrastruktur langsam besser wird. Es
gibt mehr Trainingseinheiten und es gibt abgestimmteres Training auch auf die körperlichen Anforderungen der
Spielerinnen hin. Das sorgt für schnelleres und dynamischeres Spie

Frage: Ihr selbst trainiert dreimal in der Woche. Reicht das, um in der Regionalliga oben mit zu spielen?

Anna: Wir sind da gerade so an der Schwelle. Der Aufwand für die Spielerinnen ist schon jetzt extrem hoch und
alle machen es, weil sie es wollen. Wir reden da noch nicht über irgendwelche Vergütungen. Die Frauen müssen
den Fußball zwischen Studium, Vollzeit- oder Teilzeitjob irgendwie managen. Hinzu kommen ja noch individuelle
Angebote, die sie z.B. von unserem Physio bekommen. Das alles ist immer wieder ein Spagat. Deshalb sind wir
diese Saison auch bei dreimal Training in der Woche geblieben. Langfristig sollten wir schon auf eine vierte
Einheit gehen.

Frage: Wird sich die Mannschaft in der kommenden Saison stark verändern?

Anna: Nein. Natürlich wird es Abgänge geben, das ist ja ganz normal. Aber der Kern des Teams steht und wird
auch so zusammenbleiben.

Demnächst in der neuen 3. Liga?– Ein Traumszenario!

Frage: Die nächste Saison ist ja eine Besondere. Es geht um die Qualifikation für die zur Saison 27/28 geplante 3. Liga im Frauenbereich. Geht Wacker Mecklenbeck da mit ins Aufstiegs-Rennen?

Anna: Das wäre natürlich ein Traumszenario, mit dem wir liebäugeln. Mehr aber noch nicht. Denn ich hatte
vorhin ja schon erwähnt, dass die Regionalliga immer stärker wird. Nicht nur durch Borussia Dortmund, die
vielleicht wieder dabei sind. Dann sähen wir in der nächsten Saison eine Alexandra Popp in der Liga, das sagt ja
schon eine Menge. Aber auch die U21-Mannschaften der Bundesligisten haben immer mehr Qualität. Wenn in der
nächsten Saison dann auch noch Schalke dazu kommt, wird es den nächsten Leistungssprung geben. Also für uns
wird das auf jeden Fall eine große Herausforderung.

Frage: Fast alle Männer-Top-Vereine unterhalten mittlerweile Frauenteams, die nach oben drängen, manchmal auf Kosten der reinen Frauen-Klubs. Eine gute Entwicklung?

Anna: Also ich sehe das grundsätzlich positiv, dass diese Vereine in den Frauenbereich investieren und dadurch
immer mehr Spielerinnen professionelle Bedingungen zur Verfügung gestellt werden. Zunächst einmal braucht es
das Invest, das sehen wir in anderen Ländern, wie zum Beispiel in England. Man sollte auch nicht unterschätzen,
welche Sogwirkungen diese großen Namen auf Kinder haben und wie glücklich sie sind, wenn sie für einen
solchen Verein spielen dürfen. Ich erinnere mich an ein Spiel der U14-Westfalenauswahl, die ich damals betreute,
gegen Niedersachsen. Und da kamen dann Spielerinnen auf mich zu und sagten ein bißchen ehrfurchtsvoll:
„Boah, Anna, da spielen welche beim Vfl Wolfsburg!!!“. Und ich denke, es ist das Schönste, wenn jedes Kind
unabhängig vom Geschlecht, davon träumen darf, für einen großen Verein zu spielen. Also ich kann mich nur
freuen, wenn diese Vereine es nicht nur einfach anbieten, sondern es gut gestalten wollen, mit guten Trainerinnen
und Trainern und mit vernünftiger Infrastruktur. Und ich freue mich auch darüber, dass Preußen Münster
offensichtlich auch stark in diese Richtung denkt. Das alles wird uns helfen.

Große Freude für und über Marie-Louise

Frage: Zum Schluß möchte ich noch auf ein Thema kommen, dass den Fußball in Deutschland doch im letzten Saisondrittel in alle möglichen Richtungen sehr bewegt hat. Mit Marie-Louise Eta wird erstmalig eine Frau Chef- Trainerin eines Männer-Erstligisten, von Union Berlin. Wie war so Deine Reaktion auf diese Nachricht?

Anna:  Ich habe mich zunächst einmal unglaublich gefreut für sie. Persönlich kenne ich sie nicht, beim HSV
haben wir beide zu unterschiedlichen Zeiten gespielt. Aber ich habe aus Hamburg nur Positives über sie gehört.
Und unabhängig davon und auch unabhängig von der Person, hat glaube ich jede Fußballerin eine innere
Verbindung zu dieser Entscheidung gespürt und sich mit ihr gefreut. Gleichzeitig sage ich Chapeau und Respekt,
dass sie das gemacht hat, denn man steht ja doch auf einmal ungeheuer im Rampenlicht. Wie sie das dann alles
gehandelt hat, fand ich unglaublich beeindruckend und freue mich eigentlich immer noch.

Frage: Eine Frau trainiert in der 1. Männer-Liga. Kann das auch dem Fußball der Frauen in Deutschland helfen?

Anna: Das weiß ich nicht. Es hilft zunächst, andere Bilder im Kopf zu schaffen und Aufmerksamkeit darauf zu
lenken, dass Trainer auch im Profibereich nicht immer männlich sein müssen. Und allein das tut dem Fußball
schon unheimlich gut. Für junge Frauen öffnet sich zum Beispiel jetzt möglicherweise der Blick auf das
weitgehend unbekannte Berufsbild „Fußballtrainerin“. Ich empfinde das alles schon als wichtiges Signal und das
kann Türen öffnen, aber es ist auch nur ein Schritt in die richtige Richtung.

Zur Person:

Anna Steckel (38) ist gebürtige Münsteranerin, hat aber einen großen Teil ihres Lebens in Hamburg verbracht,
bezeichnet sich selbst auch als „Hamburger Deern“. An der Elbe erlebte sie auch ihren Karrierehöhepunkt als
Fußballerin mit ein paar Erstliga- und vielen Zweitligaeinsätzen für den HSV.
Im Münsterland war sie für Arminia Ibbenbüren, die Warendorfer SU und als Spielertrainerin bei Blau-Weiß
Aasee aktiv. Auch ihre Visitenkarte als Trainerin mit DFB-B+-Lizenz ist schon gut gefüllt, vor der Station Wacker
agierte sie bei Aasee im Männer- und dann im Frauenbereich. Im Fußball- und Leichtathletikverband Westfalen
gehörte sie zum Trainerinnen-Stab der U14-Juniorinnen-Auswahl.
Beruflich hat Anna nochmal einen neuen Weg eingeschlagen. Der abgeschlossenen Ausbildung zur Juristin folgte
ein Sportstudium, das gerade kurz vor dem Abschluss steht. „Damit habe ich mir einen Traum erfüllt“ sagt sie und
sieht ihre Zukunft eindeutig im Sport. Dabei schaut sie durchaus auch auf die gesellschaftspolitische Ebene. 14
Monate war sie als Werkstudentin für „Fussball kann mehr“ tätig, eine gemeinnützige Organisation, die sich seit
Jahren u.a. für Geschlechtergerechtigkeit und Diversität im Fußball einsetzt.

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